Seit heute Nacht trendet ein Hashtag, der den Alltagssexismus in Deutschland anprangert. Unter dem Hashtag #aufschrei tauschen sich hauptsächlich Frauen über sexistisches Verhalten in ihrer Umwelt aus. Ihren Anfang hatte diese Diskussion bei diesem Tweet von Marthadaer, aus dem in kürzester Zeit eine der beeindruckensten Debatten entstanden ist, die ich bisher bei Twitter mitbekommen habe.
Ihren Ursprung hat die Diskussion über Alltagssexismus in einem Artikel von Anne Meiritz im Spiegel, der den sexistischen Umgang einiger Mitglieder der Piratenpartei mit Journalisten zum Thema hatte. Weiter ging es im Stern, wo Franziska Reich und (das wird in der Diskussion gerne vergessen) Andreas Hoidn-Borchers den alltäglichen Sexismus innerhalb der Politik am Beispiel von Brüderle problematisiert haben.
Doch nicht nur in den großen Medien wurde dieses Thema aufgegriffen. Auch die Bloggosphäre hat sich des Themas glücklicherweise angenommen. Als Beispiel sollte man da diesen Artikel des neugestarteten Blogs kleinerdrei.org und diesen Artikel von Mina lesen. Beispiele aus dem Alltag von Frauen.
Aber natürlich kam es wie es kommen musste. Die Maskulinisten übernahmen das Thema. Auf einmal war von Kollektivschuld die Rede. Davon, dass die “bösen” Feminazis wieder die armen Männer fertig machen wollten. Zum Glück waren diese Männer in der Minderheit, aber es gab sie trotzdem.
Auch ich kam kurz ins Grübeln. Wie oft in Feministischen Diskussionen muss man sich überlegen, ob das wirklich ein Geschlechterproblem ist, über das man hier reder oder ein Problem, das auch Männer betrifft. Die Antwort auf diese Frage ist hier nicht so einfach. Natürlich gibt es es sowohl sexistische Kommentare von Frauen an Frauen wie auch sexististisches Handeln von Frauen gegenüber Männern.
Und trotzdem halte ich Alltagssexismus für eine klassische Geschlechterfrage, bei der man oft merkt, dass die Tage des Patriachats doch noch nicht gezählt sind. Ich bin 27 Jahre alt. Ichbin in dutzenden von Discos gewesen, habe extrem viel Leute kennengelernt, war auf Festivals, Bällen und auf diversen anderen Veranstaltungen. Und doch habe ich nie mitbekommen, dass ich explizit sexistisch behandelt wurde. Keine Menschen, die mir zu Nahe gerückt sind, keine griffe an meinen Po und keine Menschen, die mich nur als Sexobjekt behandelt haben.
Wenn ich mit den Frauen aus meinem Freundeskreis rede nun… dann ist das Bild ein extrem anderes.
Da ist die Frau, die mit 13 Jahren von ihrem ersten Freund vergewaltigt wurde, nachdem sie ihn gesagt hat, dass sie 2 Wochen Beziehung zu früh für Sex findet.
Da ist die Frau, der von ihrem Arbeitgeber 2 Wochen nach der Einstellung eine Gehaltserhöhung angeboten wurde. Voraussetzung: Sie schläft mit ihm.
Da ist die Frau, die mit 16 von Jungen so betrunken gemacht wurde, dass sie sich bis heute nicht daran erinnern kann, was damals passiert ist. Ihre Eltern haben ihren Hilferuf ignoriert. O-ton:”Was trinkst du auch so viel? Bist ja selbst Schuld”
Da ist die Frau, die mit 16 von ihrem Freund betrunken gemacht wurde und dann vergewaltigt wurde. Was machen ihre Eltern? Laden ihren ganzen Freundeskreis ein und erzählen alles. Im Detail. Bewertung:”Da seht ihr mit was für einem Flittchen ihr befreundet seid”.
Da ist die Frau, die 10 Jahre lang von ihrem Vater und ihrem Großvater vergewaltigt wurde. Das Jugendamt schickt sie immer wieder zurück. Selbstmordversuche? Liegen nur an depressiver Veranlagung.
Da ist die Frau, die 2 Jahre lang mit ihrem Freund schläft obwohl sie sich vor ihm ekelt, da er nur einmal die Woche duscht. Aber es “gehört ja dazu”.
Diese Liste könnte ewig so weiter gehen. Je mehr ich darüber nachdenke desto mehr Beispiele fallen mir ein. Alle liebe Männer. Beschwer euch nicht über Kollektivschuld. Denkt darüber nach ob ihr was falsch gemacht habt. Wenn dem so ist, dann ändert was. Wenn dem nicht so ist dann haltet einfach eure Klappe oder unterstützt Frauen in ihrem Kampf gegen Alltagssexismus. Denn das was nicht sein soll ändert sich nur, wenn sich alle ändern. Mit Courage wenn sie notwendig ist. Und mit Zurückhaltung wenn ihr nicht erwünscht seid. Aber nicht mit beleidigten Kommentaren und kindischen Verhalten. So zeigt ihr nur, dass die Aufschrei berechtigt ist. Auch euch gegenüber.